Montag, 31. August 2009

Pressebericht #8: "Drei Schwestern" im Doppelpack

Lebensgeschichten, die unter die Haut gehen. Nachdenken über Hiersein und Gernehiersein.


(Freies Wort, 31. August 2009, Karin Schlütter)


Es fängt alles so fröhlich an. Und so ganz anders. Statt Bühne und Zuschauerreihen eine Geburtstagstafel mit buntenTellern, Luftschlangen, leiser Partymusik. Das Publikum im großen Saal des Künstlerhofes sitzt mittendrin, bekommt von den festlich gekleideten Laienschauspielerinnen Kaffee und Kuchen serviert, hört ihrem Geplauder zu. Und ist schon mittendrin im Doku-Theater, das Marc Lippuner, Regisseur und Stipendiat im Künstlerhof, inszeniert hat. Es ist mittendrin in Tschechows Stück "Drei Schwestern" in der Variante Schleusingen20NullNeun. Bei Tschechow heißen sie Olga, Mascha und Irina. Bei Lippuner gibt es sie im Doppelpack namens Barbara, Sylvia, Gabi, Anja, Beate und Johanna. Auf Letztere warten fünf Schwestern an der Geburtstagstafel. Für sie haben sie das Fest arrangiert, zu ihrem 71. Geburtstag! Und dass die Johanna aus Altendambach diesen tags zuvor wirklich feierte - bei der Generalprobe - das gehört eben auch zu diesem ungewöhnlichen Projekt. An der Festtafel entbrennt inzwischen eine Diskussion über das Klatschnest, indem wer einmal mit einem anderen als dem eigenen Mann über den Markt läuft, gleich fremdgeht . . . aus dem sie sich fortträumen, die Schwestern. Kofferpacken und weg aus der Provinz, so wie bei Tschechow - nach Moskau? "Ich war noch niemals in New York . . ." singen die Sechs. Aber wollen sie das wirklich? Weg aus der kleinbürgerlicher Enge und Spießigkeit? Unsere sechs Schwestern beginnen laut nachzudenken, erzählen ihre ganz persönlichen Lebensträume, erzählen von ihren Hoffnungen, Sehnsüchten, Enttäuschungen. Von dem, was sie hier hält. Sylvia, die ins Schwärmen kommt, wenn sie die Landschaft beschreibt, " . . die Wälder, das viele Grün" und dann die Familie, das "tolle Gefühl, Oma einer einjährigen Enkeltochter" zu sein. Gabi, die mit ihrem Mann nach der Wende aus dem "erzkatholischen Köln nach Gethles kam" und hier mit rheinländischer Frohnatur schnell Freunde gefunden hat und viel glücklicher ist als sie es in Köln je war. Johanna, die schon soviele Ortswechsel erlebte und für die Heimat dort ist, wo sie Familie hat und "Freunde, denen ich vertrauen kann". Sie ist jetzt in Altendambach angekommen und will dort bleiben. Da ist Anja mit ihrem Traum von Hollywood, der zwar nicht berufliche Realität geworden ist, aber den sie dennoch lebt - als Hobby im Kabarett und eben im Theater. Bewegt hört das Publikum von Barbaras Hoffnung, mit ihrem Mann gemeinsam alt werden zu können. Eine Hoffnung, die vor zehn Jahren von einer Minute zur anderen zerbrach. Und doch lässt sie sich nicht vom Schicksal nicht unterkriegen. Baute das Kabarett auf und ist stolz auf ihre zwei Söhne und fünf Enkeltöchter. Und da ist die Erzieherin Beate, Mutter von vier Kindern, seit 20 Jahren an der Gerhart-Hauptmann-Schule. Soviel hatte sie von ihrem Beruf erhofft, soviel Enttäuschungen erlebt, weil nur noch wichtig sei, dass die Kinder ihre Hausaufgaben machen. Atemlos hört das Publikum diesen Monologen zu. Es gehört was dazu, soviel von sich preis zu geben. Sechs Frauen und ein junger Regisseur, der aus der Großstadt in die Provinz kam, zogen die Zuhörer in ihren Bann. Nicht enden wollender Applaus, als das Stück zu Ende ist. Viele bleiben noch sitzen an der "Geburtstagstafel", plaudern. "Das war nicht Provinz. Er (Marc Lippuner - d. Red.) hat sie zu weltstädtischen Höhen geführt", sagt Helmut Kazimirek. "Ich glaube, viele haben kapiert: Tschechow heißt nicht, das hier ein alter Russe zelebriert wird." All jene, die am Freitag oder am Samstag die Aufführungen im Künstlerhof gesehen haben - leider war die Platzkapazität begrenzt - sind mit dem Gefühl nach Hause gegangen, etwas ganz Besonderes erlebt zu haben und mit dem Nachdenken über das Hiersein und das Gernehiersein.

Dienstag, 4. August 2009

Hauspost #7: Premiere "Drei Schwestern" Kein Tschechow


Sechs Frauen zwischen 32 und 71 Jahren aus Schleusingen und Umgebung auf den Spuren von Anton Tschechow: Was haben die Themen seiner "Drei Schwestern" mit dem gegenwärtigen Leben in der thüringischen Provinz zu tun? Die Frage nach dem Hiersein und dem Gernehiersein, das Fantasieren über mögliche private und berufliche Perspektiven, die Überlegungen, ob das Leben in einer kleinen Stadt als Chance oder als Fluch zu begreifen ist: Tschechows Stück dient dabei als Gerüst, in das persönliche Lebenserfahrungen, Träume und Sehnsüchte gewoben werden, um einen dokumentarischen Theaterabend zu schaffen, der direkt mit Schleusingen, dem Umland und den Menschen hier zu tun hat.

Premiere ist am 28. August 2009, 19.30 Uhr, im Künstlerhof Roter Ochse. Die zweite und letzte Vorstellung findet am 29. August 2009, ebenfalls um 19.30 Uhr statt.

Freitag, 10. Juli 2009

Pressebericht #7: Liebste Orte - Brunnen, Wald, Bad

Marc Lippuner mit Ferienkindern auf der Suche nach Stätten des Kinderglücks
(Karin Schlütter, Freies Wort, 10. Juli 2009, Auszug)

Wer in diesen Tagen durch die Stadt geht, sollte genau hinschauen. Es gibt seit gestern Nachmittag ein paar Orte, die ein kleines Schild mit gelbem Plastbändchen tragen: "Hier ist ein liebster Ort" steht darauf. Es sind Orte, die Mädchen und Jungen zwischen sechs und zehn Jahren als ihren Ort des Kinderglücks auserwählt haben.

Marc Lippuner, der Stipendiat im Künstlerhof, hat in dieser Woche ein Theaterprojekt mit Ferienkindern im Hort der Schleusinger Grundschule initiiert, Teil seines Gesamtprojekts "Schleusingen20NullNeun". Elf Mädchen haben sich für dieses Ferienprojekt entschieden, die anderen Hortkinder sind gewandert, haben unterwegs Beeren und Pilze gefunden und die Natur entdeckt.

Gestern Nachmittag gingen alle zusammen auf eine ganz besondere Stadtführung. Und ein paar wenige Gäste waren der Einladung "Ich zeig dir meinen liebsten Ort - komm mit!" gefolgt. Toni Meier mit Söhnchen Theo auf dem Rücken fand das Projekt toll und war ganz gespannt, zu welchen Lieblingsorten die Kinder führen. Da war der Marktbrunnen, von Sarah auserkoren, "weil die Elisabeth als Statue oben steht und das Wasser so schön plätschert". Die Kinder haben auf Schilder geschrieben, warum es gerade dieser Ort ist, den sie so lieben. Lisa-Marie führte die Gruppe zum Innenhof Markt 12. Das ist ihr Platz, "weil ich hier im Haus mit Mama und Papa und meiner Katze Jackie wohne und ich hier so schön schaukeln kann", erklärt sie den anderen. Tinas liebster Ort ist der Wald. Und weil der Weg dahin ein bisschen weit gewesen wäre bei der Stadtführung, zeigt sie ihn vom Kirchplatz aus. Später wird sie ihr Schild irgendwo an einen Baum am Kohlberg hängen. Die neunjährige Luise befestigt ihr Schild an die Kirchentür. "Hier ist ein liebster Ort, weil es hier eine neue Orgel gibt und die so schön klingt", ist auf ihrem Schild zu lesen. Isabell (6) aus Wiedersbach war gestern bei der Generalprobe zur Stadtführung das erste Mal im Schlosshof. Für sie war es fast wie im Märchenschloss, und den "Wunschbrunnen" erklärte sie spontan zu ihrem liebsten Ort. Lisa hat sich für den Spielplatz im Park an der Johanniskirche entschieden, weil es hier so schöne Spielgeräte gibt. Für Lara aus Erlau, die die Ferien oft im Hort der Schleusinger Grundschule verbringt, ist die Wiesenbauschule liebster Ort. Hier hat sie schon gebastelt und Waffeln gebacken. Sarah (9) fährt im Winter auf der Spindlerswiese Schlitten und im Sommer "kann ich auf der Wiese liegen und in den Himmel sehen", erzählt sie und dass der liebste Ort ihrer Freundin Cindy der Schmuckplatz ist, wo sie zusammen spielen können. "Ich zeig dir meinen Lieblingsort - komm mit!" ruft die kleine Helene (6) und führt die anderen zum Schwimmbad. Das hatte bei dem Wetter gestern allerdings zu, aber am Zaun hängt jetzt Helenes Liebster-Ort-Schild, "weil es hier eine große Rutsche gibt und man ganz viel rutschen kann". Maria wird ihr Schild demnächst in die Müller-Drogerie bringen. Und Marc erzählt, dass die Kinder viele Lieblingsorte haben und ganz viele auch ein gewisses Fast-Food-Restaurant als liebsten Ort genannt haben. Behutsam hat er sie aber in seinem Projekt auf weniger kommerzielle Dinge gelenkt. 

Überhaupt hat es allen großen Spaß gemacht. Denn Marc hat mit ihnen geübt, sich zu präsentieren. "Wir waren auch Top- Model", erzählt Maria. Auch die Kinder des Naturprojekts und die begleitenden Gäste werden jetzt ihre liebsten Orte küren. Dann wird Toni mit Söhnchen Theo zur Haardt gehen, "weil man von hier einen herrlichen Blick auf Schleusingen hat". "Nur", meint er, "dürften nicht so viele Zigarettenstummel hier liegen, die sammelt der Kleine immer auf und will sie essen." Und Marc selbst hat seinen Platz ebenfalls ausgezeichnet: "Kaffee Kunst Malanders, weil Nicole, Franzi und Steve mit ihrer Schokolade jeden Tag zum schönsten machen."

Mittwoch, 8. Juli 2009

Pressebericht #6: "Komm mit - ich zeig dir meinen Lieblingsort!"

Kinder zeigen ihre Stadt

(Marc Lippuner, Freies Wort, 9. Juli 2009)

Das Rathaus, der Heckenturm, die Johanniskirche mit ihrer restaurierten Orgel... Insgesamt fünfzehn Orte benennt Schleusingens Wegweiser durch die historische Altstadt, die Bertholdsburg nicht inbegriffen: Bis auf den alten Posthof und die Teutsche Schule allesamt gut in Schuss und alle fünfzehn unbedingt sehenswert. Meine ersten Tage hier waren bestimmt von diesem vorgeschlagenen Stadtrundgang, ich war im Gymnasium, in der Wiesenbauschule, ich lauschte der Orgel und dem Wasser, dass an der Vinzentmühle vorbeifließt. Ich bestellte mir Bücher im Gebäude Markt 12 und habe in Punkt 7, dem Roten Ochsen, selbst Quartier bezogen.
Mich persönlich jedoch interessieren die verlassenen, vergessenen, verschwundenen Orte, die man selbst entdecken muss, mehr als die repräsentativen, historischen Vorzeigeorte der Stadt: Das abgebrannte Wirtschaftsgebäude des Hilde-Coppi-Heims, der zum Abriss freigegebene Geflügelschlachthof, der arbeitslose Bahnhof mit seinem rostenden Schienennetz, die Rudimente des ehemaligen IKA-Betriebsgeländes... Orte des Verfalls, Zeugnisse des Untergangs ostdeutscher Arbeits- und Lebenswelten: Mindestens fünfzehn Orte kann ich benennen, die, nicht alle so historisch, bei weitem nicht so gut in Schuss, aber, meines Erachtens, trotzdem unbedingt sehenswert sind.
Fragen wir hingegen Kinder nach ihren Lieblingsorten in Schleusingen, so werden wir noch einmal mehr als fünfzehn ganz andere Antworten bekommen. Sind es das Freibad und ein Spielplatz, die Slusia auf dem Markt, ein Eisladen oder der Platz vor der Johanniskirche, wo manchmal eine Hüpfburg steht? Vielleicht aber sind es auch Orte, die auf den ersten Erwachsenenblick für Kinderaugen gar nicht attraktiv scheinen?
Ich mache mich diese Woche auf die Suche nach diesen Plätzen des Kinderglücks. Mit Schülern zwischen sechs und zehn Jahren erforsche ich ihre liebsten Orte, wir hören, riechen und fühlen sie und präsentieren unsere Ergebnisse in einer inszenierten Stadtführung: Die Kinder zeigen Ihnen Schleusingen von einer ganz anderen Seite, erzählen Ihnen, warum die von ihnen ausgewählten Orte Orte des Glücks und damit unbedingt sehenswert sind.
Entdecken Sie Schleusingen neu! Blicken Sie mit Kinderaugen auf Ihre Stadt!
Treffpunkt ist am Donnerstag um 14 Uhr der Brunnen auf dem Marktplatz. Die Stadtführung ist eine einmalige Aktion, sie ist kostenfrei und dauert etwa 70 Minuten.

Samstag, 13. Juni 2009

Pressebericht #5: Von der politischen Relevanz eines Pizzarezepts

Regisseur Marc Lippuner sucht noch immer deutsch-deutsche "Grenzüberschreibungen"


(Marc Lippuner, Freies Wort, 13. Juni 2009)


Marc Lippuner, Regisseur und Stipendiat im Schleusinger Künstlerhof, schreibt in loser Folge über sein Projekt. Heute geht es um den Aufruf, Briefe und Postkarten zur Verfügung zu stellen, die zwischen 1961 und 1989 über die innerdeutsche Grenze geschickt wurden:

Mehrfach bekam ich hier in Schleusingen nach meinem Aufruf gerade von älteren Menschen, denen das Dichtmachen der Grenzen und der Bau der Mauer konkret im Bewusstsein verankert sind, zu hören, dass sie sich doch gar nicht getraut hätten, irgend etwas Politisches nach drüben zu schreiben. Trotzdem ist der private Briefverkehr von Ost nach West und von West nach Ost, ganz gleich, ob er Politisches thematisierte oder nicht, schon deshalb von historischer Relevanz, weil jeder dieser Briefe, jede Postkarte, jede Notiz eine "Grenzüberschreibung" war. Ich möchte das an einem Beispiel erläutern: Kürzlich traf ich mich mit einer jungen Frau, die meinen Aufruf gelesen hatte und zu Hause fündig geworden ist: Eine kleine Kollektion von ihrer Cousine geschriebener Postkarten hatte die junge Frau nur aufgehoben, weil die Pferdebilder so schön waren. Ein weiterer Brief lag zwischen den Seiten eines Kochbuches der jungen Frau, weil ihre Freundin aus dem Westen ihr darin erklärt hat, wie man eine Pizza macht. Mit Teig und allem Drum und Dran. Harmlose Teenager-Post, "Grenzüberschreibungen", die nur scheinbar keine Relevanz haben. Heute regt es zum Schmunzeln an, dass Menschen im Osten überhaupt erklärt bekommen mussten, wie ein italienisches Nationalgericht zubereitet wird. Dieser Brief ist jedoch gerade deshalb ein alltagskulturelles Zeugnis dafür, dass in dem mittlerweile wiedervereinigten Land Generationen auf ganz verschiedene Art heranwuchsen und diese Generationen bis heute von dieser Teilung geprägt sind. Das ist keine neue Erkenntnis, zeigt aber auf unterhaltsame Weise auf, dass selbst ein einfaches Rezept in einem deutsch-deutschen Brief Bedeutung haben kann. Einige Schleusinger haben bereits ihre alte Post durchstöbert und mir ihre deutsch-deutschen Briefe zur Abschrift überlassen. Von David Hasselhoff über Ausreiseberichte bis Republikflucht ist das gesamte Spektrum von pubertär bis politisch-brisant abgedeckt. Leider sind noch nicht ausreichend Dokumente angesammelt, um sie - wie ich es vorhabe - Anfang August in einer Lesung zu präsentieren. Die Postkarten und Briefe, die selbstverständlich anonymisiert werden, sollen, ohne zu werten, als Zeugnis einer deutsch-deutschen Wirklichkeit zwischen Heiterkeit und Schrecken stehen, ohne die Sie und ich heute nicht wären, wo und wer wir sind. Daher bitte ich Sie, noch einmal ihre alten Briefe hervorzuholen und zur Verfügung zu stellen, damit die innerdeutschen "Grenzüberschreibungen" von und nach Schleusingen ein möglichst buntes Bild liefern, das sowohl durch individuelle Schicksale als auch durch kollektive Erinnerungen gestaltet ist. Ihre Dokumente schicken Sie bitte an Marc Lippuner, c/o Künstlerhof Roter Ochse, Elisabethstr. 8, 98553 Schleusingen, oder Sie vereinbaren mit mir einen Termin unter marc@lippuner.de. Vielen Dank.

Mittwoch, 27. Mai 2009

Hauspost #6: Probenbeginn "Drei Schwestern"

Am Freitag, den 29. Mai 2009, findet um 19.30 Uhr im Künstlerhof das Konzeptionsgespräch und die Leseprobe von Tschechows "Drei Schwestern" statt. 
Im Laufe des Probenprozesses geht es darum, die Texte Tschechows durch eigene auszutauschen, um so einen Abend zu entwickeln, der direkt mit den Spielern und mit dem Leben in Schleusingen zu tun hat.
Eingeladen sind alle, die Lust haben, Theater zu spielen oder sonstwie interessiert sind, am Projekt mitzuarbeiten.
Ausführliche Informationen im Pressebericht #4 (s.u.)

Pressebericht #4: Eine Einladung zum Spiel oder Provinz als Chance

Theaterprojekt | Am Freitag beginnen die Proben / Laiendarsteller gesucht

(Karin Schlütter / Marc Lippuner, Freies Wort, 27. Mai 2009)

Marc Lippuner, Regisseur und Stipendiat im Schleusinger Künstlerhof, schreibt an dieser Stelle in loser Folge über sein Projekt SCHLEUSINGEN20NULLNEUN. Heute lädt er zur ersten Probe eines Theaterstücks ein:


Ich wohne nun seit drei Wochen in Schleusingen, habe die Hektik Berlins ein bißchen abschütteln können, die Stadt und das Umland erkundet, die neue Orgel gehört, ich kroch in Abrisshäusern rum und stieg auf neue Dächer, ich war in Meiningen im Theater und bei der Theatergruppe im Gymnasium, ich jogge alle zwei Tage am Wassergraben Richtung Hinternah unter der Autobahn durch und obwohl ich fast täglich im Malanders eine heiße Schokolade trinke, habe ich es noch nicht geschafft, alle Sorten durchzuprobieren. Ich habe viele nette Leute kennen gelernt und einige ihrer Geschichten, ich bin neugierig auf diese Stadt und ihre Menschen und finde Provinz herrlich aufregend!
Anton Tschechows "Drei Schwestern" hingegen haben das Leben in der Provinz satt. Selbst Geburtstagspartys sind nur noch langweilige Pflichtübungen. Die Menschen um sie herum stehen, ihrer Meinung nach, still: Eingerichtet in ihrem Umfeld, das aus Familie, Heim und Arbeit besteht, obwohl es nicht einmal genügend Arbeitsplätze gibt. Die Schwestern wollen aus dieser Enge weg, nach Moskau - in die große, weite Welt - fliehen, in der Hoffnung, dort ihre Sehnsucht nach einem erfüllten Leben stillen zu können. Und sie werden - bis auf eine, die jüngste - die Kleinstadt nie verlassen.
Die Frage nach dem Hiersein und dem Gernehiersein, das Fantasieren über mögliche private und berufliche Perspektiven, die Überlegungen, ob Provinz als Chance oder als Fluch zu begreifen ist, das sind die Themen, die mich an den "Drei Schwestern" hier in Schleusingen interessieren. Deshalb möchte ich "Drei Schwestern" mit Ihnen auf die Bühne bringen. Es soll jedoch nicht darum gehen, das durchaus moderne, thematisch aktuelle und überaus witzige Stück so zu zeigen, wie Tschechow es sich vor über 100 Jahren gedacht hat. Vielmehr soll es ein Gerüst bieten, in das Ihre Lebenserfahrungen, Träume und Perspektiven gewoben werden, um so eine Version zu entwickeln, die mit dieser Stadt und den Menschen dieser Stadt direkt zu tun hat.
Die Lese- und Konzeptionsprobe findet am Freitag, den 29. Mai 2009, um 19 Uhr im Künstlerhof Roter Ochse in der Elisabethstr. 8 statt, und ich lade Sie alle herzlich dazu ein, egal, ob Sie spielen wollen oder sich anderweitig an der Entwicklung des Stücks beteiligen möchten, egal ob sie 15 sind oder 95: Lebenserfahrungen und Träume haben Sie doch alle. Und ich möchte wissen, was Ihr Moskau ist, das Ziel Ihrer Träume, ob Sie es erreicht haben oder vielleicht nie mehr erreichen werden. Ich freue mich auf Freitag.